FRANK BARING.de

From the second star to the right - Photo stories and more / Vom zweiten Stern von rechts - Foto Geschichten und mehr

70 Jahre Pearl Harbor – Ein filmischer Vergleich

Der Stoff aus dem man Helden macht?

 von Frank Baring

Am 6. Dezember 2011 jährt sich zum 70. Mal der japanische Angriff auf den US-Marinestützpunkt Pearl Harbor. Für die USA war dieser Tag eine Zeitenwende. Eine vergleichbare historische Zäsur wiederholte sich in der jüngeren Geschichte erst am 11. September 2001. Während sich die filmische Verarbeitung von 9/11 wohl erst in Jahren beurteilen lässt, bietet die Filmgeschichte zwei Großprojekte, die sich der Darstellung der Ereignisse von 1941 gewidmet haben: „Tora! Tora! Tora“ von 1970 und „Pearl Harbor“ von 2001. Ein filmischer Vergleich erscheint nicht nur hinsichtlich des Gedenktages 2011 reizvoll. Auch nähern sich beide Filme aus ihrer Zeit und mit unterschiedlichen Ergebnissen den historischen Ereignissen an.

An dem Datum des 6. Dezember 1941 kommt man als geschichts- und USA-interessierter Filmfan kaum vorbei. Mit dem Folgetag verbindet sich nicht nur der Kriegseintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg, sondern auch diverse Filmprojekte, die die Stellung dieses Tages in der Geschichtskultur der Vereinigten Staaten dokumentieren. In diesen Tagen blickt sicherlich eine ganze Nation tief bewegt und vereint in Stolz, Trauer und Selbstschau auf die historischen Ereignisse des Jahres 1941. Nicht nur Gedenkveranstaltungen und Dokumentationen werden die Menschen zurückschauen lassen, sondern auch die Filme werden wieder zu sehen sein, in denen aufgearbeitet wurde, was Zeitzeugen und Nachkommen über Jahrzehnte bewegt, interessiert und begleitet hat. Für die Kinogänger-Generationen der Jahre 1970 und 2001 bot sich in diesen Jahren eine Gelegenheit, Filme zu sehen, die den japanischen Angriff auf die amerikanische Pazifikflotte aufgegriffen haben. Pearl Harbor und Tora!Tora!Tora! nähern sich mit ganz unterschiedlichen Ansätzen und Zielen dem historischen Ereignis an. Während Tora!Tora!Tora! den Weg über den Anspruch der Authentizität und den Perspektivenwechsel wählt, will Pearl Harbor den historisch Beteiligten (Amerikanern) ein cineastisches Denkmal setzen.

Doch was unterscheidet beide Filme und die verwendeten Ansätze sich mit den historischen Ereignissen der frühen Dezember-Tage des Jahres 1941 zu be-schäftigen? Im Jahr 2001 legten zum 60jährigen Gedenken Michael Bay (Regie) und Jerry Bruckheimer (Produzent), ausgestattet mit einem 132 Mio. Dollar Budget, ein dreistündiges filmisches Spektakel vor, welches selbst den 1997er Blockbuster Titanic übertreffen sollte. Doch wo Titanic durch James Cameron zumindest sorgfältig recherchiert wurde, ging es den Pearl Harbor-Machern um ein anderes Ziel: Ein filmisches Denkmal der über 2400 Toten des Angriffs auf Pearl Harbor, mit dem man an den Kinokassen satte Einspielergebnisse einfährt. Hierfür fährt man u.a. mit Josh Harnett, Ben Affleck, Kate Beckinsale, Jon Voight und Alec Baldwin das passende Staraufgebot auf. Ein derartiges Star-Vehikel ist Tora!Tora!Tora! fremd. US-Regisseur Robert Fleischer setzt hier stärker darauf, dem Erzählplot und dem Handlungsbogen Gesicht zu verleihen. Tora!Tora!Tora! sollte authentisch erscheinen und realistisch die historischen Ereignisse aufgreifen, ohne hierbei zu langweilen oder belehrend daherzukommen. Den Anspruch dieser historischen Authentizität verleiht auch die Tatsache zusätzliches Gewicht, da mit einer amerikanisch-japanischen Koproduktion dem Zuschauer ein Perspektivenwechsel möglich gemacht soll. Dieser Perspektivwechsel ist nicht nur produktionstechnisch zu erklären, es ist schlicht ein Grundgedanke des Films, auch wenn er nicht ganz stringent eingehalten wird, ebenso wie die realitätsnahe Darstellung des Krieges. Dies gelang erst 2006 Clint Eastwood wieder mit seinen anspruchsvollen wie eindringlichen Kriegschroniken „Fathers of our Flag“ und dem herausragenden „Letters from Iwo Jima“.

Betrachtet man den Cast der beiden Filme, so leiden die Inszenierungen unter verwandten Schwächen. Während bei Pearl Harbor die schwergewichtige Besetzung von der ohnehin platten Handlung vordergründig ablenkt, mangelt es Tora!Tora!Tora! an Handlungsfiguren, mit dem sich der Zuschauer emotional verbunden fühlt. Dieser Mangel an Identifikationsfiguren lässt die Handlung und die historischen Ereignisse hervortreten. Dafür fehlen Fleischers Produktion einfältige Rollen wie der von Cuba Gooding Jr. dargestellte farbige Koch Dorie Miller der USS Arizona, der – Political Correctness sei dank – die Heldentaten der Hauptcharaktere Rafe und Danny in den einfachen Schwarzen in der US-Marine rückübersetzen. Doch auch die deutsche Synchronisation nimmt den Originaldialogen bisweilen Sinn und Tiefe, wie die falsche Zuschreibung von Aussagen gegenüber Admiral Yamamoto zeigt. Die Gefahr, dass die Inszenierung insgesamt zu stark dokumentarischen Charakter verliehen wird und narrativ nicht mehr zu unterhalten weiß, kann Robert Fleischer jedoch mit einem wahrlich gut ausgewählten B-Cast begegnen (z.B. Takashiro Tamura). Pearl Harbors und Tora!Tora!Tora!´s einziger gemeinsamer Zugriff auf historisch belegte Protagonisten bildet eine Szene, in der die Heldenfiguren Rafe und Danny – angelehnt an die Piloten Kenneth Taylor und George Walsh – den Start vom Flugfeld während des japanischen Angriffs schaffen. Diese Szene greift zwar auch Tora!Tora!Tora! auf, jedoch schreibt Pearl Harbor diese historische Episode zu einer Heldengeschichte um, in der es die Piloten de facto im Alleingang mit den Angreifern aufnehmen, unterstützt durch das Bodenpersonal im Tower. Der Zuschauer wird fast in den Glauben versetzt, dass beide Piloten annähernd den Gang der Welt-geschichte verändert hätten. Einen derartigen Unsinn mag man erzähltechnisch begründen können, aber es bleibt eine Fälschung der historischen Ereignisse zur Wahrung der filmischen Deutungshoheit über ein historisches Ereignis, welches sich tief ins amerikanische kollektive Gedächtnis eingegraben hat. Filmsfans, die sich auch für Luftfahrtgeschichte interessieren finden in beiden Filmen interessante Details. Die Tora!Tora!Tora! Produzenten hatten in der Beschaffung amerikanischer Flugzeuge massive logistische Probleme wie auch die Macher von Pearl Harbor. Es war schlicht kein flugfähiges japanisches Kriegsgerät erhalten geblieben. Kate, Zero und Val, so die amerikanischen Decknamen für trägergestützte Jäger und Bomber, mussten mühsam über detailverliebte Umbauten und authentische Lackierungen von US-Fliegern beschafft werden.

Keiner der Filme ist ein Heldenepos par excellance. Doch während Tora!Tora!Tora! das Publikum nicht mit aufgesetzter Theatralik, teilweise unpassender musikalischer Inszenierung und einem langatmigen Liebesplot erzähltechnisch langweilt, schafft es Pearl Harbor noch nicht einmal in Ansätzen die historischen Ereignisse realistisch in Szene zu setzen. Gezeigt wird das, was die US-Marine, die den Produzenten mit vielerlei Ausrüstung bereitwillig unter die Arme griff, sehen wollte und die Produzenten als Popcorn-Kino-gerechte Inszenierung planten. Die Historie war hier schlicht Beiwerk und wurde kräftig beigebogen. Und auch das Kinopublikum sollte bei ihren niederen Interessen abgeholt werden, wo der Krieg zum historischen Hintergrundklamauk verkommt und auf unterhaltsames Geballer sowie CGI-Perfektion trifft. Doch diese „hohe“ Kunst der Perfektion, auf die man bei den Spezialeffekten wert legte, steht die teilweise peinliche Ausstattung des Films gegenüber. Da werden die Schlachtschiffe Arizona, Oklahoma & Co. aufwendig animiert, der Zuschauer wird auf den Fall einer Bombe, den eine japanische Val ausklingt mitgenommen und auch die Flugszenen werden mit Detailliebe umgesetzt und dann entdeckt der aufmerksame Filmzuschauer stillgelegte moderne Kampfschiffe als Angriffsziele der japanischer Angreifer. Hier wurde schlecht recherchiert und unsauber gearbeitet. Auch die wissenschaftliche Begleitung des Films ist stümperhaft. Pearl Harbor stiftet einfach ein allzu schlichtes Bild der historischen Ereignisse. Man muss nicht Verschwörungstheorien bemühen, um an einem Teil der Darstellungen Zweifel zu haben. Die entscheidende Frage, ob die USA zum damaligen Zeitpunkt Kenntnis von japanischen Angriffsplänen hatten oder einen Konflikt herbeiahnten beantwortet dieser Film klar zugunsten der vorherrschenden latenten US-Erinnerungskultur. Dass die jüngere Forschung zumindest Ergänzungen an der strikt vorgetragenen Sicht der Ahnungslosigkeit zulässt, ignoriert die Bay & Bruckheimer-Produktion geflissentlich. Dies hätte einen anderen Ansatz erfordert.

Pearl Harbor und Tora!ToraTora! sind Kriegsfilme, die mehr bzw. weniger Partei ergreifen und dennoch auf höchst unterschiedliche Weise die Perspektiven der historisch Beteiligten aufgreifen. Während Pearl Harbor die Sicht des Kriegsgegners aus dem Land der aufgehenden Sonne ausblendet, ihn zu einem nebulösen und bis- weilen dumpfen Bösen macht, verleiht Tora!Tora!Tora! den Handelnden ein Gesicht und eine Sicht auf die Dinge. Für Pearl Harbor sind die Japaner in gewisser Weise ein gesichtsloses und ebenso plattes Klischee, wohingegen Robert Fleischers Film überwiegend differenzierter und sachlicher daherkommt. Wer bei Pearl Harbor bis zum Schluss durchhält, hat entweder Sitzfleisch oder eine gewisse Affinität für die Untiefen schlechter Kriegsfilme oder traute sich nicht aufzustehen, weil die Sitznachbarn dies Popcorn-essend mit bösen Blicken kommentiert hätten. Den Rettungsanker Fernbedienung gab es 2001 im Kino nicht. Im kollektiven Gedächtnis der USA wird der 6. Dezember 1941 jedenfalls eine historische Zeitenwende bleiben. Der Film Pearl Harbor ist aus Zuschauersicht hingegen eine Verschwendung an Lebenszeit. Tora!Tora!Tora! war für die Zeit genreprägend. Einige Filmszenen des 25 Mio. Streifens wurden Jahre später in „Schlacht um Midway“ wiederverwertet. Doch Helden haben beide Filme nicht geschaffen. Mit dem Schriftsteller James Jones, der die literarische Vorlage für einen anderen Film schrieb, der die historischen Ereignisse streifte, könnte man Pearl Harbor wie folgt charakterisieren: Verdummt in alle Ewigkeit!