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Auf der Suche nach Luke Skywalker

Star Wars: Das Erwachen der Macht – Eine neue Hoffnung oder neuer Look für alte Ideen?

von Frank Baring

Als ich 1983 aus „Star Wars – Episode VI: Die Rückkehr der Jediritter“ kam, war ich schon gut 5 Jahre zu einem eingefleischten Fan der Filmreihe geworden. Ich kaufte die Actionfiguren und Taschenbücher, leider gab es noch keine bezahlbaren Videos und drei konkurrierende Videosysteme boten erst in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre Entspannung für den Fan, der Yoda, Luke, Vader & Co. ins Herz geschlossen hatte. Das Jahr 1983 bedeutete aber auch ein vorläufiges Ende der Filmreihe. Gleichwohl war ich mir sicher, dass die Erzählung der Figuren und des Star Wars Universums weiter geführt werden würde. Als George Lucas 1999 die Vorgeschichte zur klassischen Trilogie ins Kino brachte, hätte ich eigentlich gerne erfahren, wie es mit Luke, Han und den anderen weitergeht. Auch wenn das PC-Spiel „Jedi Knight: Jedi Academey“ hier ein wenig abhalf, so musste ich dennoch weitere 16 Jahre warten, bis Disney die Erzählung fortführte. So kam es also, dass das inzwischen groß gewordene Kind sich in kindlicher Vorfreude – mit Teasern und Trailern gefüttert – auf den „Star Wars – Episode VII: Das Erwachen der Macht“ freute. Viele Fragen bewegten mich. Wie ging es weiter? Was wurde aus…? Und würde es J.J. Abrams gelingen, den Charme der alten Filme einzufangen, woran Lucas bei der Prequel-Trilogie selbst scheiterte?

Ein Star Wars Film ist für mich immer ein emotionales Erlebnis. Dies beginnt bereits bei der Einblendung des Firmenlogos von Lucasfilm und den ersten Tönen von John Williams klassischem Star Wars Theme und setzt sich mit dem typisch durchlaufenden Prolog fort, um bei den ersten Szenen des Films schon fast glücklich im Kinositz zu versinken. Doch bei aller Glückseligkeit über das Kinoerlebnis eines Star Wars Films, war ich gespannt, auf die Antworten, die der Film für meine Fragen bereithielt. Wie es bei Fans durchaus üblich ist, begleitet man die Filme durchaus kritisch. So sehr ich mich 1999 über die Rückkehr von Star Wars gefreut habe, hier lasse ich die enttäuschenden Ewoks-Filme komplett außen vor, umso zwiespältiger war mein Eindruck nach den Prequels. Gewiss waren hier Star Wars Filme zu sehen, die durchaus neue Charaktere einführten, alte Figuren in ihren jungen Jahren zurückbrachten und die Vorgeschichte von Episode IV bis VI erzählten. Dies gelang George Lucas jedoch nur bedingt, weil er sich in opulenten CGI-Landschaften verlor, die in „Angriff der Klonkrieger“ in einer Clone Wars Optik mündete und fast vollkommen vom Charme der alten Filme befreit war. Natürlich war da das Gut-Böse-Narrativ, welches alle Star Wars Filme auszeichnet, erkennbar. Aber die Überladung der Filme mit Spezialeffekten brachte die Filme nur schwer in Reichweite der klassischen Trilogie. Aufgrund dieser Ausgangslage war die Vorfreude auf Episode VII geprägt von einem gefühlsmäßigen Bangen, ob es Disney und J.J. Abrams gelingen konnte, den alten Charme von Star Wars wieder einzufangen.

Als 1978 der Episode IV ins Kino kam, erschien das Konsularschiff von Prinzessin Leia im Bild. Es wurde von einem Sternzerstörer Darth Vaders verfolgt und aufgebracht, um die Pläne des Todessternes zurück zu gewinnen. Genau diese Pläne werden Ende 2016 in „Rogue One – A Star Wars Story“ zum Thema werden, d.h. wie es den Rebellen gelang, die Pläne, die eine Zerstörung dieser ultimativen Waffe des Imperiums ermöglichen, zu erobern. Die ersten Bilder von Episode VII zeigen nun einen neuen Sternenzerstörer, der sich gemächlich durch das Bild schiebt. Dunkler, größer und bedrohlicher als seine Vorgänger. Überhaupt scheint gerade die Größe von Schiffen und die Wahl eines Wüstenplaneten wichtige Mittel darzustellen, welche Abrams verwendet, um die „Erste Ordnung“ in die Tradition der klassischen Trilogie zu stellen. Nun könnte man ketzerisch behaupten, dass Abrams hier auf Nummer sicher geht und die Fans der Filmreihe genau da abholt, wo sie scheinbar abgeholt werden wollen: Bekannte Figuren, vertraute Szenarien und eine Optik, die an Episode IV bis VI anknüpft. Dies gelingt Abrams durchaus, denn er weckt damit genau das nostalgische Star Wars Gefühl, welches sich Fans der Anfangstage erhofften. „Das Erwachen der Macht“ erweckt somit auch etwas, was George Lucas verloren ging. Die Kunst den Figuren im Star Wars Universum einen Hintergrund zu verleihen, der nicht vordergründig von Handlungszusammenhängen und Beziehungen der Charaktere abzulenken. Gleichwohl sind es gerade die Figuren und deren Beziehung untereinander, die Star Wars schon immer ausgemacht haben. Während die klassische Trilogie die Beziehung von Luke zu Vader im Fokus hatte, die Prequels Anakins Beziehung zu seiner Umwelt und Wendung zum Bösen erzählten, nimmt Episode VII weniger Luke ins Zentrum der Erzählung, sondern die neuen Charaktere Kylo Ren, Finn (FN-2187) und Rey in den Mittelpunkt. Gewiss ist Luke ein ständiger Bezugspunkt, aber es sind doch die neuen Figuren, deren Beziehung sich im Film ständig fortentwickelt und neue Rätsel aufwirft. Dabei sind die alten Charaktere Han, Chewbacca und Leia sowie die Droiden R2D2 und C3PO immer wieder präsent, doch vermag es Abrams mit dem Astromech-Droiden BB-8 einen neuen Herzensbrecher in die Arme der Fans zu Spielen. Die alten und neuen Figuren harmonieren ausgezeichnet miteinander. Hier greift vieles ineinander. Han Solos Suche nach dem Millenium Falken, der auf einem Schrottplatz auf dem Wüstenplaneten Jakku auf die Wiederentdeckung durch die einsame Rey wartet, um nicht nur von der Bedrohung durch die Erste Ordnung zu entfliehen, sondern gewissermaßen Han und Chewie heimkommen zu lassen. Selten gab es für mich einen einen Trailer im Vorfeld einer Kinopremieren, der mich so einfing, wie der zweite Trailer zu „Das Erwachen der Macht“: „Chewie, wir sind zuhause!“. Wie ein prophetischer Hinweis auf diesen Film erschienen mir Han Solos Worte und sie bewahrheiten sich vollends.

Star Wars steht und fällt in meinen Augen mit den Hauptfiguren. Während die klassische Trilogie hauptsächlich Lukes Entwicklung zum Jediritter erzählt, widmet sich Episode VII der Suche nach Luke und widmet sich erzählerisch den Folgen seines Scheiterns als Jedi-Lehrer. Luke entsagte der Ausbildung neuer Padawane, weil er Han und Leias Sohn nicht vor der Hinwendung zum Bösen bewahren konnte. Die Folgen dieses Scheiterns waren durchaus dramatisch. Das Galaktische Imperium schien nach der Schlacht von Endor besiegt, doch aus den Trümmern des Imperiums und nach dem Tod des Imperators Palpatine stieg die „Erste Ordnung“ empor. Während der zweite Todesstern zerstört wurde, waren die Truppen des Imperiums überall in der Galaxis verteilt. Der mysteriöse Anführer Snoke, über dessen Identität seit Erscheinen von „Das Erwachen der Macht“ vielfach spekuliert wurde und wird, bündelte die dunklen Kräfte erneut und ließ unter der Regie von General Hux einen Planeten zum Sternenkiller umbauen. Auch hier wurde das Element Größe in neue Dimensionen getrieben. Während in „Eine neue Hoffnung“ ein Todesstern eine ungekannte ultimative Waffe erschien, wurde sie in „Die Rückkehr der Jediritter“ nicht nur erneuert und nun in „Das Erwachen der Macht in eine neue Dimension getrieben. Dies steht nicht nur in der Analogie von Star Wars, es lässt sich in eine ganze Reihe von Stilmitteln einordnen, die Abrams in Episode VII aufgreift. Wie Tatooine verleiht auch der Wüstenplanet Jakku dem neuen Film auf dem Hintergrund des Kriegsschrotts aus den Zeiten der Schlacht um Endor viel Patina. Es ist gerade dieser Schmutz, Sand und Staub, in der Rey mit tagtäglichem Schrottsammeln ihr Leben fristet, darauf wartend, dass sie jemand aus ihrem Zuhause – einen umgestürzten AT-AT Kampfläufer – abholt. Dass dies ausgerechnet mit Finn – einem desertierten Sturmtruppler der Ersten Ordnung – und einem Droiden des Widerstands (BB-8) geschieht, führt zwei Figuren zueinander, die keinerlei Wissen über ihre Herkunft haben. So gefestigt Rey vordergründig erscheint, was sie tut, so hin und her gerissen ist eben auch Finn. Rey kann mit dem Millenium Falken umgehen wie Han Solo und Chewbacca es können.

Die Suche nach Luke ist sicherlich ein zunehmendes Motiv des Films. Doch mit Erscheinen von Han und Chewie erhält vor allem Han Solo großen Raum. Es ist ein Abschied von einer Figur, die sicherlich neben Luke Skywalker zu den beliebtesten in Star Wars Universum gehören. Alle Protagonisten sind auf der Suche nach Luke, steht er doch für die Hoffnung auf Rettung vor der Ersten Ordnung. Doch auch Han und Leia sind auf der Suche. Gezeichnet von einer verlorenen Liebe wollen sie ihren Sohn zurückgewinnen und der dunklen Seite entreißen. Beide sind in der Gewissheit, dass er zwischen Gut und Böse hin und her gerissen ist. Sie wollen ihm die Gelegenheit geben, dass er in der Begegnung mit Han zu seinem alten Ich zurückfindet. Dass diese Hoffnung trügerisch ist, zeigt sich bei der Begegnung von Han und Kylo Ren auf dem Sternenkiller. Während Han seine Hand zu einer zärtlichen Berührung ausstreckt, richtet Kylo Ren seinen Vater mit dem Lichtschwert und damit ein letztes Hindernis zu einer vollkommenen Hinwendung zur dunklen Seite. Dass Kylo Ren aber nicht die Macht seines Großvaters Darth Vader besitzt, zeigt sich nicht nur in der Verhörszene von Rey, die ihm widersteht, sondern auch im Lichtschwert Showdown kurz vor der Explosion des Sternenkillers. Demgegenüber zeigt Rey, dass sie ohne erkennbare Jedi-Ausbildung vertraut mit der Macht ist. Einen Vorgeschmack auf diese Vertrautheit gab es bereits in einer Szene mit Maz Kanata auf dem Planeten Takodana, in der Rey Lukes Schwert in Händen hält – welches Kanata verwahrte – und wo sie von einer Vision heimgesucht wurde. Lukes Schwert trat nun sinnbildlich die Reise zu seinem Herrn an. Die fehlende Ausbildung und die Tatsache, dass Rey Kylo Ren besiegen konnte, rief jedoch Kritik unter Fans hervor. Diese Kritik könnte sich jedoch als vorschnell erweisen, wenn sich in Episode VIII und IX erzählerisch zunehmend die Herkunft von Rey verdichtet und sich auflöst, warum die Macht in ihr präsent, sie mit dem Falken und Lichtschwert umzugehen vermag. Ob Rey also die Tochter von Han und Leia oder gar Luke ist, wie spekuliert wurde, wird erst Ende 2017 aufgelöst werden. Ich bin bei diesen Spekulationen etwas skeptisch, auch wenn die Erklärung, dass Rey Han und Leias Tochter sei, nahe liegend ist. Das große Ganze löst der Film nicht auf, vielmehr will er zum Eintauchen in die Erzählung anregen und die immer wieder große Frage an eine Geschichte stellen: Wie geht es weiter?

Gerade die große Nähe zu einem Film bzw. einer Filmreihe verstellt in gewisser Weise den mitunter den Blick, weil man sich die Erzählung nicht gedanklich oder gefühlsmäßig in Reichweite denken muss, sondern sich immer mittendrin fühlt. Mitunter wird „Das Erwachen der Macht“ vorgehalten, dass die Macher auf Nummer sicher gegangen sind. Ich stelle die Gegenfrage, was anderes wäre eine würdige Verknüpfung zur klassischen Trilogie gewesen, als einen Schritt in die Zukunft zu wagen. Dabei bleibt weder die Optik noch Opulenz auf der Strecke, sondern mit den vertrauten Motiven und Figuren wird das Neue nicht nur eingeführt, sondern es kann sich im Filmverlauf entwickeln. Eine Brücke zu den neuen Charakteren und den Erzählsträngen ist immer wieder John Williams Musik. Dieser Brückenschlag gelingt letztlich ausgezeichnet: Figuren, Motive und Szenen werden verbunden und vertieft.

In Fankreisen hat der Film nach der Premiere eine ganze Reihe von nerdigen (mitunter auch nervigen) Fragen generiert: Da wird u.a. gefragt, warum es wieder ein Todesstern sein musste? Warum können zwei Amateure den Millenium Falken in die Luft bringen und die Tie-Fighter im Luftkampf auf Jakku besiegen? Wieso musste wieder ein Bösewicht eine Maske tragen und warum wirkte der Anführer der Ersten Ordnung wie ein noch hässlicherer Imperator Palpatine? Die Star Wars Geschichte wiederholt sich nicht, aber in einem Universum, welches eine klare Gut & Böse Trennung kennt und in der die Beziehungen der Antagonisten oder Protagonisten. Im Umgang mit den Figuren und Motiven zeigt sich für mich, dass J.J. Abrams neben Star Trek auch Star Wars neues Leben eingehaucht hat. Ich habe wenig Zweifel, dass er die Chance hat, unter seiner Federführung eine würdige Fortführung der Star Wars Erzählung zu schaffen bzw. anzustoßen. George Lucas hat weise und geschäftstüchtig entschieden, seine filmische Schöpfung in neue Hände zu geben. Im Sinne Star Treks würde ich schlussfolgern: May he live long. But he prospered enough.

Die Stärken des neuen Star Wars Films liegen für mich auf der Hand: „Das Erwachen der Macht“ zeichnet eine hohe Authentizität gegenüber dem Star Wars Universum aus. Dabei überzeugen auch Character Building, Erzählweise und in bestem Sinne die Rätsel für die folgende Handlung der beiden kommenden Episoden. Auch die Dialoge erscheinen deutlich geschärft in Sachen Dialogwitz und Einführung sowie Fortentwicklung neuer Charaktere. Für mich wird mein absoluter Lieblingsfilm „Star Wars – Episode IV: Eine neue Hoffnung“ unerreicht bleiben. Denn er hat ein Universum eröffnet und eine Filmhistorie angelegt, die fast 40 Jahre wirken konnte. Für mich ging es bei „Das Erwachen der Macht“ vor allem darum, ob J.J. Abrams den Charme einfangen konnte und die Erzähltradition glaubwürdig fortsetzen konnten. Beide Fragen kann ich leichten Herzens mit ja beantworten. Und dass die Sturmtruppler ihre Feinde nun auch treffen, beruhigt mich in gewisser Hinsicht, denn es zeigt, die Uhren im Star Wars Universum sind nicht stehen geblieben.